Erfahrungsberichte
Hausbau in Vrabanja/Bosnien
Bosnien - da hat man schon ein festgefahrenes Bild im Kopf. Aber wie ist es wirklich? Ich glaube, diese Frage kann keiner beantworten, der nicht schon einmal dort gewesen ist. Soviel: Es ist unglaublich fesselnd und wunderbar! Sonntag, 9 Uhr, Köln/ Bonn Flughafen. Ich bin angespannt. Meinen Flug bis Rijeka habe ich komfortabel im Internet gebucht – typisch deutsch halt... Der Flughafen in Rijeka ist die erste Überraschung: Landebahn, einspurig, schätzungsweise 200 Meter lang und ein kleines Haus. Die Fluggäste steigen aus der Maschine und gehen brav zur Passkontrolle. Freundliche, starke Männer laden das ganze Gepäck aus - ich komme mir etwas exotisch vor mit meinem Riesenrucksack zwischen all den 1, 2, 3 Fly-Touristen. Der erste Bus steht direkt vor dem kleinen Haus, da braucht man nur einsteigen und ich bin schneller und einfacher in Vrabanja, als ich gedacht hätte. Dreimal umsteigen, alles reibungslos, abends bin ich schon da. Am Busbahnhof in Zagreb liefen mir fünf exotische, holländisch redende Gestalten mit Rucksäcken über den Weg, die den gleichen Bus wie ich suchten. Und sie suchen nicht nur den Bus, sondern auch mich.
„Beeilt euch - ihr habt nur noch 10 Minuten…“
Zum Richtfest gab es eine große Fete, zu der ein Schaf geschlachtet wurde, das uns sonst öfter unser Lunchpaket weggefuttert hatte.
Mit Spitzhacke und Schaufel
Gearbeitet wurde hier mit zwei, drei einheimischen Arbeitern, die ihr Handwerk verstanden und uns gut mit einbinden konnten. So haben wir Beton gemischt, gemauert, beim Aufschlagen des Dachstuhls geholfen, Balken geschleppt und genagelt sowie jede Menge Steine und Dachziegel mit Schubkarren und per Hand transportiert. Mit Spitzhacke und Schaufel haben wir steinigen Felsboden abgetragen. Das war harte Arbeit! Die Kommunikation war im Allgemeinen recht schwierig, auch mit serbisch-kroatischem Lexikon. Allerdings ging es mit der Zeit immer besser mit Hand und Fuß und einigen Wortfetzen, die man so lernte: Pause, Beton, Ende, gut, Mist...
Neben diesem Hausbau gab es noch etliche kleinere Projekte, in denen unsere Gruppe nur jeweils zwei bis drei Tage arbeitete: Dächer abdecken, Dachstühle erneuern, Dächer wieder neu decken, Obergeschosse von Häusern aufräumen und Mauern einziehen, um sie bewohnbar zu machen... Wir arbeiteten übrigens immer von 8.00h bis 17.00h. Abends saßen wir noch gemeinsam mit Karten, Würfeln, Liederbüchern und einem kühlen Bier auf dem Balkon unserer Unterkunft und machten uns einen schönen Abend. Sonst blieb leider wenig Kraft für die Freizeitgestaltung. Die Arbeit tagsüber war schon recht anstrengend, so dass es durchaus mal vorkam, dass ich abends einfach im Sitzen einschlief. Und da war ich nicht die Einzige... Aber so konnte man jedenfalls mal gut sehen, wo die eigenen Grenzen liegen und ich war überrascht darüber, dass ich durchaus in der Lage bin, einen ganzen Tag in der prallen Sonne auf einem Dach zu verbringen und mich auch noch kopfüber über den Giebel hängen kann, um die Holzverkleidung zu lackieren.
Ein Höhepunkt meines dreiwöchigen Aufenthaltes in Bosnien war sicher der Ausflug nach Sarajevo. Die Einschusslöcher in den Häusern waren in dieser Stadt noch allzu gut zu sehen und machten die Geschichte dieser Stadt bedrückend lebendig. Der Krieg, die Angst, die Wut, die Not der Menschen, alles rückte in eine bedrückende, greifbare Nähe.
Ein toller Abschluss
In toller Erinnerung bleibt mir auch unser Abschiedsfest, das wir Freiwilligen zusammen mit den einheimischen Helfern feierten. Es gab frische Satarrasch (ein sehr leckeres Paprika- Gericht), Appelpie mit frischen Äpfeln aus dem Garten, Knoblauchbrot und viel zu trinken. Ivo, der Vorarbeiter, und ich haben unsere Lieder zum Besten gegeben, es wurde viel gequatscht, viel übersetzt, ein wenig getanzt und die Füße am Feuer gewärmt. Es war ein toller Abschluss des Camps. Inzwischen bin ich schon wieder einige Wochen zu Hause. Die Bauwochen sind aber immer noch sehr lebendig. Ich meine, es tut einfach mal gut, die Blickrichtung zu wechseln, mal etwas Absurdes zu tun, mal etwas Abenteuerliches zu wagen, mal auf sich selbst gestellt zu sein, keinen zu kennen und nicht zu wissen, was passiert und wie es einem bekommt. Einfach nur, weil das genau die Dinge sind, die das Leben so wertvoll machen, weil hier mal alle Gefühle beansprucht werden und man sich selbst täglich immer besser kennen lernt und die Vorurteile und die festgefahrenen Bilder, die man im Kopf hat, sich durchaus mal verdrehen. Oder weil die manchmal allzu theoretischen Ideale konkret umgesetzt werden. All dies kann man bei einem Baulager erleben.
Anneke Petersen (21) studiert in Münster Mathematik, Musik und Deutsch. 2004 nahm sie an einem Baulager in Litauen teil, ein Jahr später ging die Reise nach Bosnien.
